Aktuelle Ausstellung

"Carpe diem" - so nennt Claus Steinrötter seine aktuelle Ausstellung, die er ab dem 16. Juni in seiner Galerie in Münster präsentiert. Gezeigt werden 365 Zeichnungen von Carsten Weitzmann aus Erfurt. Es sind kleine Papierarbeiten im Format DIN A5. Die meisten von ihnen sind farbig, einige wenige mit schwarzer Tusche angefertigt. Steinrötter präsentiert das komplette Projekt "TagesZeichnung" in einer Art Petersburger Hängung, jedes Bild ganz schlicht an zwei kleinen Klammern aufgehängt. Herausgekommen ist eine Art persönliches Tagebuch des Künstlers, an dem man sich nicht sattsehen kann. "TagesZeichnung" ist eine wahre Bilderflut und zusammengenommen eine Art Wimmelbild, wie man es nur selten zu sehen bekommt. Von einem zum anderen Bild schweift der Blick, bleibt an dem einen Motiv hängen, geht weiter, vielleicht zum nächsten oder springt zum übernächsten, um nach wenigen Augenblicken ein wenig irritiert wieder zurückzukehren. Mit jeder neuen Seherfahrung wird der Blick klarer und verklärter zugleich. Ein paradoxer Zustand.

Die Zeichnungen sind zwischen dem 1. Mai 2016 und dem 30. April 2017 entstanden. Ein Jahr lang hat der Künstler aus Erfurt jeden Tag für sein Projekt eine einzelne Zeichnung angefertigt. Mit Buntstiften, farbiger und schwarzer Tusche sowie Stiften aus Ölpastell. Das Handwerkszeug: Stifte, Pinsel und Federn. Ein großes, durchaus anspruchsvolles Projekt, denn der Künstler hatte sich auferlegt, jeden Morgen für maximal zwei Stunden spontan einer Bildidee zu folgen, nach Möglichkeit "ohne zu denken".  Eine Pause gab es nicht. Selbst auf Reisen hat er sich dem selbst auferlegten Ritual unterworfen.

"Nach zwei Stunden musste das Bild fertig sein", sagt der Künstler. Herausgekommen ist ein facettenreiches Panoptikum und ein beeindruckendes Konvolut von erzählenden Zeichnungen. Im Mittelpunkt stehen Figuren, Porträts, Begegnung und Kommuniaktionssituationen, deren Vielseitigkeit den Betrachter staunen lässt. Ein paar bekannte Gesichter meint man wiederentdecken zu können. Unter den Abgebildeten: Buster Keaton, Voltaire, Frida Kahlo und Humphrey Bogart. Kein Motiv gleicht dem anderen und doch ist wie eine Klammer eine Handschrift zu erkennen. Carsten Weitzmann liebt ganz offensichtlich das Ornament, Strukturen und Muster. Die Hintergründe sind virtuos. Keiner gleicht dem anderen. Weitzmann verfügt über ein schier unglaubliches Repertoire von Ideen.

Jedes Bild gibt einem ein Rätsel auf, weil surrealistische und absurde Brüche wie kleine Widerhaken wirken. Einige Chiffren tauchen auf mehreren Zeichnungen immer wieder auf. Oft sind die Gesichter hinter Masken versteckt, so als wenn sich kaum einer der abgebildeten Personen in die Augen sehen lassen möchte oder selber gar nichts sehen will. Manche der Figuren haben lange Nasen, die sie zusammenstecken, wobei Pinocchio grüßen lässt.

Wer beim Betrachten auf die Suche nach Erklärungen und Bedeutungen geht, der muss kläglich scheitern. Das, was auf den ersten Blick wie ein Rebus, eine Art Bilderrätsel erscheint, dessen Bedeutung man dechiffrieren kann, wenn man nur den Schlüssel hat, bleibt verworren und irritierend. Und das ist auch gut so. Die Zeichnungen widersetzen sich nachhaltig und mit geradezu anarchischer Lust aufgelöst und verstanden zu werden. So wie Carsten Weitzmann alleine seiner Intuition gefolgt ist, kann sich der Betrachter nur mit seiner Imagination und Phantasie auf die Bilder einlassen.

"Es passiert von ganz alleine", sagt Carsten Weitzmann, wenn man ihn danach fragt, woher er seine Einfälle schöpft und welchen Impulsen er gefolgt ist. "Erklären und auflösen kann ich die Zeichnungen auch nicht", wiegelt der Künstler ab. Weitzmann kann sich beim Malen auf Jahrzehnte lange Erfahrung verlassen. Seit 50 Jahren widmet sich der Künstler dem Zeichnen. "Ich habe als Kind damit angefangen und einfach nicht wieder aufgehört", lacht er. Ursprünglich hat er damit begonnen nach der Natur zu malen, so realistisch wie nur irgend möglich. "Das ist meine Basis und mein Handwerkszeug. Ich habe Zeichnen von der Pike auf gelernt. Jeder Strich ist gewollt." Inzwischen ist er auch als Dozent an der Universität Erfurt tätig und bildet dort Kunsterzieher aus. Sein Hauptfach: Was wohl?! - Zeichnen!

Seine künstlerische Arbeit, also Malen und Zeichnen sieht er als sein Grundnahrungsmittel. Es ist ihm unverzichtbar, geradezu existentiell. "Ohne jeden Tag auf Entdeckungsreise zu gehen und mich dem Abenteuer auszusetzen, etwas Neues zu erfahren, kann ich nicht leben - ich würde zugrunde gehen", räumt Weitzmann ein. "Ich muss mich jeden Tag überraschen lassen." Diese Leidenschaft gibt er auch an seine Studenten weiter. Er ermutigt sie, sich auf ihre Eingebung einzulassen und komplett der Kraft der eigenen Kreativität zu vertrauen. "Wenn ich mich vor ein Blatt setze und mit meiner Arbeit beginne, dann habe ich das Bild bereits ganz klar in meinem Kopf vor mir. Ich suche es nicht, es kommt einfach. Ich muss es also nur noch aufs Papier bringen", lacht der Künstler. Ganz selten nur misslingt ihm eine Zeichnung, zu deutlich steht ihm die Bildidee vor seinem inneren Auge.

Weitzmann reagiert mit seinen Bildern auf die Absurditäten, den Wahnsinn und all die Widersprüche der Welt. Dabei forscht er in seinem Inneren, bringt zu Papier, was in ihm arbeitet, rumort und an die Oberfläche drängt. "Die Welt ist verrückt", räumt er ein und denkt dabei auch an die aktuellen politischen Verhältnisse auf der Welt. Natürlich stolpert auch er über Donald Trump, Kim Jong-un, den Brexit, Terrorismus, die AfD, die Kriege auf der Welt, die Klimakatastrophe und all die vielen anderen Absurditäten und beunruhigenden Situationen. Seine Bilder sind im weitesten Sinne politisch, ohne doch eine Botschaft vermitteln zu wollen oder gar eine Lösung anbieten zu können. Weitzmann sieht sich als ein Kind des 21. Jahrhunderts, insofern "fließt der aktuelle Zustand unserer Welt selbstverständlich in meine Arbeit ein." Vielleicht wird man später einmal verstehen, was sich in den Zeichnungen gespiegelt hat und was er - ohne es in Worte zu fassen - damit gemeint hat, mutmaßt er. Die Zeichnungen aber enthalten keine Botschaften, wiegelt er konsequent ab. "Das wäre doch auch ziemlich langweilig", weiß er.

"Aber war die Welt denn jemals geordnet", zweifelt er an dem Eindruck, dass die Welt aktuell aus den Fugen geraten und böse geworden sei. "Vielleicht drängt sich dieser Eindruck auch nur auf, weil wir durch unsere Kommunikationsmittel, das Internet und das Smartphone permanent synchron bei allen bewegenden Ereignissen und Katastrophen dabei zu sein scheinen." Vielleicht ist das alles auch einfach zu viel für uns Menschen und übersteigt unseren Verstand, sinniert er. "Bei all diesen Verrücktheiten und der Geschwindigkeit, mit der wir permanent dabei sind, drohen wir früh zu vergreisen oder dement zu werden", drängt sich ihm eine bittere Vorahnung auf.

Eines kann man festhalten: Die Welt im Spiegel der Arbeiten von Carsten Weitzmann ist beileibe nicht heile. Sie ist mitunter duster und voller Konflikte. Der Mensch wird verletzlich, gebrochen, vielfach nackt und bloßgestellt vorgestellt. Einige schlagen darüber scheinbar voller Erschrecken die Hände vors Gesicht, unterdrücken den Schrei oder das Entsetzen. Die Augen sind voller Angst aufgerissen. Oder sie sind durch Masken verschlossen.

Die Zeichnungen werfen viele Fragen auf. Sie irritieren und beunruhigen als würden sie einem Alptraum entspringen. Beinahe trotzig hat der Galerist seine Ausstellung "Carpe diem" genannt. Er will dennoch Mut machen. Angesichts aller Widernisse in der Welt hatte Horaz den Menschen geraten: "Genieße den Tag" – selbst dann, wenn es kein Morgen gibt.  (Jörg Bockow)

Die Ausstellungseröffnung ist am Freitag, den 16.Juni 2017 um 18.00Uhr

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Carsten Weitzmann Carpe diem

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